Baudenkmal | Funkhaus-Ost | Nalepastraße




Das DDR-Rundfunkzentrum und heutige Funkhaus Berlin hatte seinen Hauptsitz in Berlin-Oberschöneweide, welches damals einer "kleinen Stadt in der Stadt" glich, in der 40 Jahre lang insgesamt 3500 Personen rund um die Uhr aktiv waren. Es beherbergte tausende Mitarbeiter*innen in den Redaktionen der einzelnen Sender, Abteilungen der Studiotechnik/Produktion, Funkdramaturgie, Hauptabteilung Musik, Funkakademie sowie Archive inclusive derer, die in den Kantinen, der Milchbar, der Poliklinik, der Sauna, den kleinen Buch- und Lebensmittelladen, der Sparkasse, der Poststelle oder beim Friseur u. a. tätig waren.


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Das in seiner ursprünglichen Form erhaltene Rundfunkzentrum gehört bis heute zu den herausragenden Werken der DDR-Baukunst und steht als Kulturdenkmal-Unikat unter Denkmalschutz. Laut Überlieferungen von Zeitzeugen waren für die Gesamtkonzeption des Gebäudeareals der Chefingenieur Gerhard Probst zusammen mit Franz Ehrlich - Architekt und von 1927 bis 1931 Studierender am Bauhaus - verantwortlich. Für die bau- und raumaktustische Konzeption waren der leitende Akustiker Dr. Ing. Lothar Keibs und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Gisela Herzog zuständig. Sie verantwortete alle Berechnungen, Messungen und die Bauüberwachung. Ihrer Arbeit ist die weltweit geschätzte Akustik zu verdanken.

Detailliert auch nachzulesen im Buch von Gerhard Steinke und Gisela Herzog: Der Raum ist das Kleid der Musik || Musikprofis zur Akustik


Die einzelnen Gebäudeteile des ehemaligen DDR-Rundfunkzentrums Nalepastraße, die durch unterschiedlich gestaltete, fast brückenartige und teils von Säulen getragenen Übergänge alle miteinander verbunden sind, reihen sich um einen nach wie vor dominant wirkenden Turm des Hauptgebäudes, den so genannten Block A. Siehe auch Grafik auf der Website "Funkhaus Berlin".

Was Besucher vor Ort mitunter verwirrt, ist die Tatsache, dass der Architekt Franz Ehrlich damals auf repräsentative Auffahrten und Zugänge verzichtete. So befindet sich beispielsweise ein völlig unauffälliger Eingang zum Foyer. Dort beginnt der Aufgang zu zwei großen Aufnahmesälen.

Als Reminiszenz an das Bauhaus ist der verglaste und lichtdurchflutete Bogengang mit seinen großen Stahlfenstern im Erdgeschoss seitlich zu sehen. Fast entgegen gesetzt davon waren damals von einem inneren Bogengang aus die technischen Räume für die Produktionen des künstlerischen Worts erreichbar.

Außerdem scheint bis heute immer noch zu überraschen, dass Franz Ehrlich in seiner architektonische Gestaltung des einstigen DDR-Rundfunkzentrums wider Erwarten an einer modernen Grundhaltung als Alternative zu damals stalinistischen Baudoktrin hartnäckig festhielt und damit der weit verbreiteten Strömung in der Baukunst der Zwischenkriegszeit folgte.

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Drei Zitate aus dem DEFA-Dokumentarfilm "Synthese", der 1957 in die DDR-Kinos kam:


"Linien, Flächen, ein Raum. Im Raum der Mensch. Ist der Raum den Bedürfnissen des Menschen angepasst und ist er dennoch schön - Zweckmäßigkeit und Schönheit waren gleicherweise bestimmend für die Gestaltung des Rundfunkhauses in Berlin."

"Immer setzt die Baukunst das Bedürfnis am Bauwerk voraus. Gesellschaftliche Notwendigkeit und technische Funktionen stehen am Beginn des Bauens. Der Architekt setzt sie um in künstlerisches Maß."

"Wenn der Mensch seine schöpferischen Qualitäten frei im Raum entfalten kann, wenn er sehend und abschreitend den Raum erlebt, dann ist das Kunstwerk geglückt. Dann ist die Synthese gelungen."

Details zum Film hier ...


Es sei noch angemerkt, dass im Oktober 1957 auch die Orgel im großen Aufnahmesaal eingeweiht werden konnte. Erbaut wurde sie von Hans Henny Jahnn, einem Mann, der nicht nur Orgeln baute oder als Musikverleger tätig war, sondern darüber hinaus auch noch als Schriftsteller und politischer Publizist agierte.

Auch wenn die Überschrift des folgenden Beitrags auf den ersten Blick irritieren mag: richtig bleibt, dass sich Franz Ehrlich als Bauhausschüler natürlich vom Leitbild des Bauhauses leiten ließ:



Regina Kuschs und Andreas Beckmanns Interesse am Bauhausschüler Franz Ehrlich mündete bereits vor Jahren in einem Feature. Die Radiodokumentation mit Stimmen von Zeitzeugen wurde erstmals am 7. November 2014, ein weiteres Mal am 4. Mai 2018 vom Deutschlandfunk ausgestrahlt. Nachzuhören ist das Feature inzwischen auf der Website des Senders inklusive Downloadangebot des Manuskriptes: Die fantastische Karriere des Architekten Franz Ehrlich | Bauhaus, Buchenwald und Baudenkmäler




Im Funkhaus Berlin waren und sind vereinzelt sogar noch von Franz Ehrlich entworfene Möbel zu entdecken; sicherlich aber Einbauten und Wandvertäfelungen aus den Werkstätten Hellerau. In dem Zusammenhang ein kleiner detektor.fm HörTipp. Außerdem die Anmerkung: der rote Sessel, in dem die Protagonistin eines 6-Minuten-Videos für ein Interview 2019 platziert wurde, gehörte NICHT zum Inventar des ehemaligen DDR-Rundfunkzentrums. Weblink zur aktuellen Funkhaus-Galerie





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